Volkshilfe Steiermark
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"Keinen Tag zu bereuen"

15.02.2010

Mit dem Projekt „Lebensbilder“ wurde in den Mittelpunkt gerückt, was die BewohnerInnen im Volkshilfe Seniorenzentrum auszeichnet: ihre Erfahrungen und ihre Erinnerungen.

Vordere Reihe: Jörg-Martin Willnauer, Ingrid Stangl, Hilda Kroißenbrunner. Hintere Reihe: Wolfgang Klemencic, Walpurga Gritsch, Daniela Feldhofer, Ingrid Resch, Regina Thakur, Barabara Gross, Peter Sunko, Julie Melzer
© Fotomanie Ulrich

Zurückblickend auf ihre langjährige Ehe sagt Hilda Kroißenbrunner mit fester Stimme: „Ich hab keine Tag’ zu bereuen“. Und obwohl sie im Leben viel mitgemacht hat, eines hat die zierliche Frau, die vor kurzem 99 geworden ist, nicht verloren: ihren Humor. Sie hat sich auch an dem ambitionierten Projekt beteiligt, in dem die Lebensgeschichten der BewohnerInnen des Pflegeheims in den Fokus gerückt wurden.

„Alte Menschen, besonders, wenn sie in einem Heim leben, werden sehr oft daran gemessen, was sie alles nicht mehr haben – glatte Haut, Mobilität, Gesundheit. Wir wollten den Blick auf das lenken, was sie haben: ihre Erinnerungen, Erfahrungen und Stärken“, erklärt Julie Melzer, Leiterin des Volkshilfe Seniorenzentrum Wagna. „Das Einfließen der Biografie in die Pflegeplanung“, führt Pflegedienstleiterin Daniela Feldhofer weiter aus „eröffnet gleichzeitig die Möglichkeit, Menschen individueller und damit besser zu betreuen.“

Neben Tiefeninterviews, die mit allen Seniorinnen, die sich am Projekt beteiligten, geführt wurden, fanden verschiedene Gruppenaktivitäten statt, mit dem Ziel, Erinnerungen wach zu rufen. Gemeinsam mit Schülerinnen der Fachschule für Land- und Ernährungswirtschaft Wagna kochten die Seniorinnen zum Beispiel wie früher Marmelade oder ließen sich Apfelsorten schmecken, die man heute nicht mehr in den Regalen der Supermärkte findet.

Nicht selten waren die Seniorinnen dabei so vertieft, dass sie darüber ganz die Zeit vergaßen und so manches, ansonsten wichtige Ereignis im Heimalltag plötzlich als Nebensache betrachteten. So zeigte sich auch Frau Kroißenbrunner wenig beeindruckt von der Bemerkung der Interviewerin, dass das Gespräch nun beendet werden müsse, weil sonst das Mittagessen kalt werde. „Macht nix. Wir tun ja gscheit reden“, lautete ihr einziger Kommentar.

Unter dem Titel „Lebensbilder“ wurden die Ergebnisse des Projekts am 4. Februar in einer Veranstaltung von Moderator Jörg-Martin Willnauer präsentiert. In der interaktiven Vernissage „Lebensbilder“ wurden nicht nur Collagen gezeigt, die offensichtlich oder auf geheimnisvolle Art die Lebensgeschichten der Seniorinnen widerspiegeln. Die BesucherInnen konnten mit allen Sinnen in den Zauber vergangener Tage eintauchen: Neben einem Buffet mit traditionellen steirischen Gerichten erwartete sie ein Quiz, bei den es galt, Gegenstände von früher zu ertasten und alte Schlager zu erkennen. „Kein leichtes Unterfangen, junge Leute zu motivieren, Lieder wie ‚Pack die Badehose ein...’ zu spielen“, erzählt die Direktorin der Musikschule Wagna, Kessia Probst.

Mit auf Zeitreise begaben sich neben SeniorInnen und Angehörigen und die ehrenamtliche Präsidentin der Volkshilfe Steiermark LTAbg. Barbara Gross, Bezirkshauptmannstellvertreter Dr. Wolfgang Klemencic, Bürgermeister Peter Sunko, die Geschäftsleiterin der Volkshilfe Seniorenzentren Regina Thakur, der Leiter der Medizinischen Abteilung des LKH Wagna Prim. Dr. Heinrich Leskowschek, die pädagogische Leiterin der Fachschule für Land- und Ernährungswirtschaft Wagna Walpurga Gritsch, der Direktor der Volksschule Wolfgang Suppan und Pfarrer Mag. Arnold Haindler.

Star des Abends war allerdings Hilda Kroißenbrunner. In einem ebenso heiteren wie berührenden Interview erzählt sie, wie sie als junges Mädchen allein und ohne Sprachkenntnisse mit dem Nachtzug nach Holland gefahren ist, um dort als Haushaltshilfe zu arbeiten. Sie erinnert sich zurück an ihre Zeit als Möbelverkäuferin und spricht von ihrer Sehnsucht nach den Bergen. Am Ende gibt sie allen Frauen noch einen Tipp mit auf den Weg: „Schaut’s genau hin, bevor’s euch einen Mann nehmt’s. Soviel gute gibt’s net.“